Loading...

Erlebtes

Angstwort des Alltags? Aktualisierung!

Manchmal frage ich mich, wie viel Zeit ich tagtäglich so am Laptop, Tablet, Computer oder Smartphone verbringe. Um bei Videokonferenzen teilzunehmen, Emails zu bearbeiten, durch Social Media-Feeds zu scrollen, online einzukaufen oder Apps zu nutzen. Diese „screen time“, sie läppert sich zusammen. Gefühlt gehe ich mal von mehreren Stunden am Tag vor dem Bildschirm aus. Und das hat Folgen, sagen die Psychologen: Je intensiver die tägliche Bildschirmnutzung, desto größer das Risiko für negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

Diese Gedanken wandern schemenhaft durch meinen Kopf, als ich vor meinem Computermonitor sitze und mich über die Farbgestaltung der Bildschirmmaske für mein Onlinebanking wundere. Vor zwei Tagen waren sie doch noch ganz anders! Das fällt mir sofort auf. Und auch die Bildschirmaufteilung mit den Auswahlmenüs ist neu! Was soll das? Habe ich etwas an den Augen? Spinnt mein Gehirn? Ein leichtes Angstgefühl, gepaart mit depressiven Akzenten, durchzieht mich. Ob meine Psyche tatsächlich überfordert ist? Und was sagt eigentlich mein Körper dazu?

Schweißperlen bilden sich in Sekundenschnelle auf meiner Stirn, Hitzewallungen in Millisekunden-Abständen durchschütteln meinen Körper wie Fieberschübe. Mit glasigen Augen starre ich ungläubig auf den Bildschirm meines Rechners. Jetzt haben sie mich dich tatsächlich erwischt, denke ich. Trotz tagesaktueller Firewall bin ich jetzt wohl ein Opfer dieser lautlosen Hackermonster geworden. Sie haben mir den Bildschirm vom Onlinebanking 1:1 kopiert und jetzt auf ihre Fangseite umgeleitet, damit sie meine Kontodaten ausspionieren können.

Aber mit mir nicht, rumort es in mir und schließe augenblicklich den Internetbrowser, schalte den WLAN-Verbindungsbutton aus und fahre vorsichtshalber meinen Rechner ganz runter. Bei jedem Neustart wird ja bekanntlich die Festplatte „sauber“ gemacht.

Offensichtlich sieht das mein Rechner dieses Mal jedoch ganz anders. Irgendwas an der Festplatte scheint nicht zu stimmen, Partituren werden gecheckt – und ich soll warten und den Rechner bitte nicht ausschalten. Mein Hund scheint das auch zu spüren. Er springt plötzlich von seinem Stammplatz (unter meinem Schreibtisch) auf und wedelt wie wild mit dem Schwanz, als wolle er mir sagen: „Nutze die Pause und geh’ mit mir spazieren!“

Mal an die frische Luft gehen wäre jetzt wirklich nicht schlecht. Nach einer halben Stunde Gassi gehen, anschließender Hundereinigung und der fachgerecht-sorgfältigen Zubereitung von einem Liter frischen Filterkaffee nähere ich mich vorsichtig wieder meinem Monitor – und raste förmlich aus vor Freude! Ich komme mir vor wie der bei der Winterolympiade 2026 für Brasilien startende Lucas Pinheiro Braathen, der im Riesenslalom von Bormio Geschichte schrieb, weil er die Goldmedaille und damit überhaupt die erste Medaille eines südamerikanischen Landes bei Olympischen Winterspielen holte: Alles funktioniert, ganz normal, so wie immer, tadellos, ohne Probleme. Auch WLAN und Internetbrowser arbeiten einwandfrei. Ich fass‘ es nicht!

Also wage ich es ein zweites Mal. Ich muss, denn ich habe eine ganze Menge Online-Banküberweisungen heute noch (damit fristgerecht) auszuführen. Alltag und Schicksal auch eines Sachverständigen: man hat nicht nur Einnahmen, sondern auch Ausgaben – und diese möchte man ja nicht durch unnötige Mahngebühren erhöhen. Glücklicher Weise kann ja heute quasi alles via Internet erledigt werden. Drahtlos Bahntickets buchen, Flüge einchecken, KfW- oder BAFA-Anträge bearbeiten – und vor allem die Kontoführung werden enorm erleichtert. Als digitaler Nomade kann ich das auch aus meiner Hängematte auf Mallorca, Griechenland, Indien oder sonst irgendwo. Mit einem Klick bin ich auf der Homepage meiner Hausbank, ein weiterer Klick befördert mich zum Onlinebanking, jetzt nur noch Benutzername und Kennwort eingeben und dann habe ich es geschafft. Denke ich.

Und was passiert? Ich werde schon wieder auf diese Fangseite von diesen Berufshackern umgeleitet. Da ist garantiert die Software meiner Bank daran schuld. Die Internetadresse sieht allerdings normal aus; ich werde etwas ruhiger und konzentrierter. Mein Blick fällt auf einen kurzen Hinweistext, den ich bisher noch gar nicht bewusst wahrgenommen habe: Wir haben unser Onlinebanking für Sie umgestaltet, angepasst und mit vielen neuen Funktionen ausgestattet. Damit Ihnen Ihre Bankgeschäfte noch leichter fallen. Bitte auf WEITER klicken.

Ja, toll! Hat mich denn mein Bankberater gefragt, ob ich das überhaupt brauche? Ich bin bisher ganz gut mit meinem Onlinebanking zurechtgekommen. FÜR MICH umgestaltet! Wenn meine Bank was für mich tun will, dann lässt sie das bitte so wie es ist und ändert nicht ständig rum. Ich merke, wie mir auf einmal schlecht wird, speiübel sozusagen. Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt hatte ich mich gerade an die letzte aktualisierte Version gewöhnt, kannte alles Tricks im Umgang mit SmartLogin, SID-Check, photoTAN und biometrischer Authentifizierung – und jetzt schon wieder eine Aktualisierung. Damit mir alles leichter fällt! Von wegen, nix ist leichter – alles wird schwerer! Und bestimmt werden für diese enormen „Erleichterungen“ wieder die Kontoführungsgebühren erhöht. So ein Software-Update zum Wohle des Nutzers wird ja nicht kostenlos sein?

Der Ärger, der in mir wallt wie Meeresbrandung bei Windstärke 10, triggert mein Bildgedächtnis. Plötzlich taucht vor meinem geistigen Auge eines meiner letzten Seminare auf: Change Management – Umgang mit Veränderungen. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens verschiedene Verhaltensmuster, wie er mit Wandel, Veränderungen und neuen Situationen umgeht. Die Psychologie bedient sich der Einfachheit halber der Schubladentechnik und teilt in vier Arten ein, die man auch als Rollen bezeichnet: Opfer, Kritiker, Beobachter und Navigator.

Im Moment bin ich noch latent in der Opferrolle und fühle mich machtlos, hilflos und unfair behandelt. Aber ich sehe mich schon schnell zum Kritiker mutieren: Warum muss ich mich ständig an neue Sachen gewöhnen? Wo bleibt mein Recht auf persönliche Freiheit? Nein, ich muss Aktualisierungen doch nicht akzeptieren, oder? Niemand kann mich zwingen, mit diesen ständigen Software-Updates zu leben! Ich frage mich, welche Nutzer dazu eigentlich repräsentativ befragt werden, um zu entscheiden, dass man so einfach mir nichts – Dir nichts die Bedieneroberfläche anpasst? Mich hat jedenfalls niemand gefragt. Ich hätte allerdings auch nicht geantwortet, wenn ich eine unbekannte Noreply-Email erhalten hätte, mit der Bitte, den beigefügten Link zu benutzen und an einer (kostenlosen) Umfrage teilzunehmen.

Bestimmt wird es außer mir noch eine Riesenmenge an weiteren Usern geben, die genauso fühlen und denken wie ich. Lasst uns zu einem Mob zusammenschließen und wir ballern den Provider mit gleichzeitigen Emails und Gigabyte-Anhängen so richtig zu. Die werden sehen, was sie davon haben. Einfach ungefragt das Onlinebanking anpassen, wo gibt’s denn so was? Außerdem funktioniert das sowie nie so richtig, das neue Zeug. Das geht garantiert schief.

Langsam merke ich, wie der Beobachter in mir seine Arbeit beginnt. Mal raus aus der Deckung und schauen, was die Änderungen so alles hergeben. Um Franz Beckenbauer zu zitieren: „Schaun mer mal“. Vielleicht kann ich ja die Buchungen schneller eingeben oder einfacher anweisen, mit Vorlagen oder so – man weiß es ja nicht. Und wenn ich weiterkommen will, bleibt mir nichts anderes übrig als auf den WEITER-Button zu klicken. Ich muss zum Navigator werden, Licht ins Dunkle bringen und die Dinge aktiv anpacken. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und klicke mit der Maus WEITER an. Gottseidank kein Rechnerabsturz, aber dafür der Hinweis auf dem Bildschirm, dass ich jetzt immerhin zehn Minuten lang das System nicht genutzt habe und deshalb die Verbindung aus Sicherheitsgründen unterbrochen wurde.

Alles zu meiner digitalen Sicherheit, na wunderbar. Und wer denkt an meine analoge Lebensfreude? Also auf ein Neues – Benutzername, Kennwort eingeben. Fehlanzeige: Dieses Kennwort ist unbekannt. Ich habe noch zwei Möglichkeiten der Dateneingabe, dann wird mein Account für heute gesperrt. Tolle Aussichten – nice outlook! Keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe?!

Ich gebe noch mal alles so ein wie vorher – jetzt bleibt mir bei einer Fehleingabe nur noch eine einzige Eingabemöglichkeit, wenn ich heute meine Überweisungen gebucht haben möchte. Denn der nächste Werktag ist erst wieder in drei Kalendertagen.

Also „Männer – höggschde Konzentration!“ Alt-Fussball-Bundestrainer Jogi Löw’s Motivationsphrase klingt noch nach, ich checke alles, auch die Computertastatur – und da ist er, der kleine Fehler! NUMLOCK OFF heißt er. Wahrscheinlich ganz leicht die Taste gestreift und schon war’s passiert. So ähnlich wie mit dem Touchpad des Laptops. Es hat die letzten Wochen nicht funktioniert und ich dachte, es liegt an der externen USB-Maus. Wollte schon den Reparaturdienst anrufen, bis ich merkte, dass man das Ding mit einem einfach [Fn]+[F7] lahmlegen kann. Die Taste liegt genau neben [Fn]+[F8] zum Abschalten der Lautsprecher….

Mit NUMLOCK ON und der richtigen Buchstabenfolge bin ich wieder drin – in meinem Onlinebanking-Account (wie übersetzt man dieses Wort eigentlich in richtiges Deutsch? Zugangsbildschirmmaske für internetbasierte Bankgeschäfte?). Irgendwie ist die Bildschirmdarstellung doch schon angenehmer und ansprechender als vorher. Aber wie komme ich jetzt an die Funktion „Überweisung“? Die war früher unter „Banking“ hinterlegt – und jetzt?

Ich finde sie oben links in der Ecke der Bildschirmmaske. Ein Klick und schon kann’s losgehen. Alles leichter – dachte ich. Neues ist doch gar nicht so schlimm. Doch zunächst wird anstelle des Überweisungsbildschirms ein weiterer Hinweis eingeblendet: Sie haben noch keine photoTAN-Berechtigung. Wie, ich brauche erst eine Berechtigung? Vor einer Woche hat alles noch so einfach funktioniert. Und jetzt?

Ich erinnere mich an die plötzliche Umstellung der Bedienoberfläche meines Email-Providers (auf Deutsch: die Firma, die mir die Möglichkeit gibt, mit deren Internetprogramm elektronische Post zu versenden). Aktualisierung von heute auf morgen, aus dem Nichts, von jetzt auf gleich, einfach so, ohne Ankündigung, aus heiterem Himmel! Alles nur, damit es für mich noch komfortabler und einfacher wird. Haha, ich habe mehrere Wochen gebraucht, um mich an das geänderte Layout zu gewöhnen. Wie oft habe ich Emails vor Fertigstellung versendet, weil der Sende-Button dort ist, wo früher der Speicher-Button war?

Im Change Management spricht man vom „Tal der Tränen“, das man bei jeder neuen Situation, bei jeder Veränderung mitmacht. Wie Täler halt so sind: mal lang und tief, mal kurz und flach. Damit meint man die Schwierigkeiten im Umstellen von Alt auf Neu, die man einfach meistern muss, um an den späteren Nutzen zu kommen. Mal geht’s schnell, mal dauert’s länger, bis man sich an das Neue gewöhnt hat. Blöd ist halt nur, wenn Du mittendrin bist, das Neue zu erlernen – und schon kommt wieder was Neues daher!

Vor lauter Verzweiflung verfällt man dann schnell in archaische Verhaltensmuster. Und das tue ich jetzt auch, krame den Block mit den Überweisungsvordrucken heraus, fülle sie alle aus – und bringe Sie persönlich und direkt zu meiner Bank. Wie ganz viel früher. Gerade noch rechtzeitig vor Ablauf des Buchungszeitraums. Am Schalter begrüßt mich eine neue, sehr nette Mitarbeiterin, die ich leider noch nicht kenne…